Die Bedeutung von Sicherheitskonzepten

Bei Veranstaltungen, welche erwartungsgemäß von Tausenden von Menschen besucht werden, sind Sicherheitskonzepte das A und O bei der Durchführung. Das Phänomen Massenpanik hat unseren Wortschatz leider erweitern müssen. Großveranstaltungen müssen heutzutage vorab behördlich genehmigte Sicherheitskonzepte aufweisen. Neben dem Veranstalter selbst und oder eine beauftragten Fachfirma sind es immer auch die Behörden selbst, wie Ordnungsamt und vor allem aber die Polizei, die hier in die Verantwortung genommen werden. Es ist daher in ihrem eigenen Interesse, dass die Durchführung eines Großeignisses wie einem Konzert in Puncto Sicherheit seine Hausaufgaben sorgfältig zu erledigen und auch für den Fall der Fälle ein geeignetes Konzept zur Rettung verletzter Personen vorweisen zu können. Dennoch werden oft genug tragische Fehler gemacht oder es finden sogar Unterlassungen statt. Was bleibt, sind Tote und Verletzte. Was bleibt, sind Hinterbliebene, die Antworten brauchen. Doch gerade was das Aufarbeiten von solchen Ereignissen und die damit verbundene Beantwortung der Frage nach Schuldigen und Verursachern anbelangt, tun sich die Beteiligten hinterher oft schwer. Langwierige Gerichtsverfahren mit gegenseitiger Schuldzuweisung sind die Folge. Hierzulande gerät der Prozess um das Unglück bei der Loveparade im Jahre 2010 teilweise zur Groteske. Doch es ist nichts im Vergleich zu dem, was sich in England im Jahre 1989 und danach abspielte nach der Hillsborough Katastrophe.

Der Chronologische Hergang der Ereignisse

Es war der Tag des Halbfinals im englischen FA Cup. Gegner der Partie waren der FC Liverpool und der Club Nottingham Forrest. Anstoß war der 15. April 1989. Austragungsort war die englische Stadt Sheffield. Austragungsstätte war das Stadion des dort ansässigen Clubs Wednesday Sheffield. Das Spiel wurde damals auf neutralem Boden ausgetragen. Die Anhänger beider Vereine hatten keine allzu weite Anreise. Von einem gut besuchten Stadion und prächtiger Kulisse konnte also ausgegangen werden. Leider jedoch gestaltete sich der Einlass als äußerst problematisch. Insbesondere auf der Westtribüne, die für die Liverpool-Fans vorgesehen war, war völlig überlastet. Lediglich 7 Drehkreuze standen zur Verfügung, um den geordneten Zustrom der Zuschauer sicherzustellen. Viel zu wenige wie sich herausstellen sollte. Kurz vor Anpfiff standen immer noch Tausende vor dem Stadion. Alle wollten sie gerne den Anstoß und damit das Spiel von Anfang an verfolgen. Ein umsichtiger Polizist hatte daher die gute Idee, den Anstoß verschieben zu lassen. Dies wurde jedoch abgelehnt. Stattdessen fiel eine folgenschwere Entscheidung. Um den Zustrom zu beschleunigen und vermutlich auch den aufkommenden Unmut einzudämmen, wurde ein weiteres, eigentlich nur für den Auslass gedachtes Gate geöffnet.

Die vielen Zuschauer konnten nun völlig unkontrolliert ins Stadion strömen. Dies hatte zur Folge, dass der Unterrang im Nu hoffnungslos überfüllt war. Der Oberrang indes blieb zur Hälfte unbesetzt. Immer mehr Zuschauer strömten ins Stadion. Die vorne postierten Zuschauer wurden von der Masse der nachströmenden Menschen am Zaun zum Innenraum nahezu zerquetscht. Bereits zum Zeitpunkt des Anstoßes um 15:00 waren bereits 21 Menschen tot! Aufgrund der Tumulte im Liverpooler Fanblock hat Schiedsrichter Ray Lewis das Spiel beim Stande von 0:0 nach 6 Minuten unterbrochen. Jedoch war man der irrigen Meinung, es handle sich um Hooligan-Ausschreitungen. Die Spieler worden vom Spielfeld geführt, während es ersten Zuschauern gelungen war, das Stadion-Innere zu erreichen um sich so in Sicherheit bringen zu können. Die Polizei verhinderte jedoch an den meisten Stellen, dass Zuschauer die Zäune überwanden, wodurch die Situation noch dramatischer wurde. Herbei geeilte Rettungskräfte wurden nicht vorgelassen. Die Zuschauer aus dem Oberrang versuchten mit spektakulären Aktionen den einen oder anderen Zuschauer zu retten, indem sie ihn zu sich hochzogen. Die Folge waren 96 Tote und 766 Verletzte. Das jüngste Todesopfer war der 10-jährige Jon-Paul Gilhooley, ein Vetter des damals selbst erst 8-jährigen Stephen Gerrard, der später zur Liverpool-Ikone werden sollte.

Berichterstattung und Wahrnehmung vor Ort

Natürlich wurde das Spiel live im TV übertragen. Überall in Großbritannien saßen fußballbegeisterte Menschen vor ihren TV-Geräten. Was sie zu sehen und zu hören bekamen, war indes ein grotesker Horror-Film. Mit dem erst im Nachgang bekannt gewordenen Wissen sind die TV-Bilder der reinste Hohn. Bereits zum Anpfiff waren 21 Menschen tot. Dennoch wurden 6 Minuten des Spiels absolviert. Während auf der gegenüberliegenden Seite Menschen mit dem Tode rangen, sangen die Fans von Nottingham Forrest ihre Fan-Hymnen. Die Kommentatoren konnten die Lage scheinbar auch nicht einschätzen. Zusätzlich wurden sie mit der Fehlinformation gefüttert, ein Gate sei gebrochen, was zu unkontrolliertem Zustrom der Zuschauer auf die Westtribüne geführt habe. Anstatt ein sportliches Highlight der Saison kommentieren zu können, mussten die hörbar überforderten Reporter die Bilder des Schreckens in Worte fassen. Nach kurzer Zeit hielt man es für angemessen, die Übertragung abzubrechen. Dass Menschen vor den Augen der Welt starben, ohne dass dies zu diesem Zeitpunkt realisiert wurde, war die wahre Hillsborough Katastrophe.

Don´t buy the Sun!

In einer an Dreistigkeit nicht zu überbietenden Art und Weise versuchten die Verantwortlichen jede Schuld von sich auf andere abzuwälzen. In einer beispiellosen Art und Weise machten sich Polizisten und Verantwortungsträger mit bewussten Falschaussagen schuldig. Mit gezielten Aktionen wurde daraus sogar eine Medienkampagne zum Nachteil der Fans des FC Liverpool. Hier tat sich insbesondere das englische Boulevard-Blatt „The Sun“ unrühmlich hervor. Reißerisch wurden auf der Titelseite die Geschehnisse von Sheffield vollkommen verdreht dargestellt. Die Liverpool Fans wurden auf das Übelste mit völlig falschen Beschuldigungen überhäuft. Das Ganze wurde auch noch mit der Überschrift „The truth“ also die Wahrheit garniert. Die Empörung der Menschen in Liverpool war grenzenlos. Unter dem Slogan „Don´t buy the Sun“ gelang es, dem Blatt im Raum Liverpool die Existenz zu nehmen. Aus einer Auflage von ehedem 400.000 wurden gerade einmal mehr 12.000.

Die Aufarbeitung

Politik und Gerichte taten sich lange Jahre schwer im Umgang mit der Hillsborough Katastrophe. Die damalige Premierministerin Margreth Thatcher sprach eher halbherzig Worte des Beileides aus. Auch, wenn sehr bald ans Tageslicht getreten war, was an jenem verhängnisvollen Tag wirklich geschehen war, sollte es über Jahrzehnte dauern, bis die Verantwortlichen sich vor Gericht verantworten mussten. Eine zivilrechtlich angestrebte Klage gegen David Duckenfield, den Einsatzleiter der Polizei wurde abgewiesen. Erst ein Untersuchungsausschuss im Jahre 2009 kam zu dem Schluss, dass das Unglück seinerzeit nicht von den Fans verursacht worden sei. Der eigentliche Durchbruch im Sinne der Liverpooler Fans kam jedoch erst im Jahre 2016. Erneut wurde ein Untersuchungsausschuss mit der Thematik betraut. Dieser kam zu dem Schluss, dass sowohl die Polizei mit ihrem Fehlverhalten als auch der Betreiber des Stadions, Graham Mackrell wegen Sicherheitsmängel am Stadion schuld am Tod der 96 Zuschauer waren. Außerdem wurde festgestellt, dass 41 Personen hätten gerettet werden können, wenn die Rettungskräfte ungehindert Zutritt zum Ort des Geschehens gehabt hätten. Nach Bekanntgabe des ersten Untersuchungsergebnisses im Jahre 2009 konnte sich die Zeitung „The Sun“ erst im Jahr 2012, also 23 Jahre später zu einer öffentlichen Entschuldigung durchringen. Eine Entschuldigung seitens der Politik erfolgte im gleichen Jahr durch Premierminister David Cameron.

Die Konsequenzen

Als eine der Lehren aus dem Unglück wurden Stehplätze in englischen Stadien verboten. Dieses Verbot fand kurz darauf auch Nachahmung durch die FIFA und die UEFA. Zäune, die den Zuschauer vom Innenraum abtrennen sollen, wurden ebenfalls verboten. Das Vereinslogo des FC Liverpool wurde um zwei Fackeln sowie die Worte „You´ll never walk alone“ in Gedenken an die Opfer erweitert. Zahlreiche Gedenkveranstaltungen erinnern regelmäßig an die Opfer der Hillsborough Katastrophe.

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Malte
Moin, mein Name ist Malte und ich bin Fußball Fan aus Leidenschaft! Ich schreibe auf Fußball Früher als Fan für Fans über den Sport, der mich seit meiner Kindheit begleitet. Mein Herz schlägt für die Fußballkultur. Ich freu mich, dass du diese Leidenschaft mit mir teilst!

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