Der deutsche Fußball

Der deutsche Fußball, vermutlich ebenso wie der englische ist eine verklärte Männerdomäne. Zumindest war dies in der Vergangenheit so und scheint nun mehr und mehr den Gegebenheiten seiner Zeit angepasst zu werden. Doch traditionell war Fußball eine reine Männerangelegenheit. Nicht nur, was die praktische Ausübung selbst, sondern auch die Fankultur und das Fachsimpeln darüber anbetraf. Noch heute wird das Klischee bemüht, dass Frauen absolut nicht wissen, oder gar verstehen, was Abseits bedeutet. Versucht eine Frau, ihr Wissen über Fußball anzubringen, wird sie hier und da immer noch mitleidig belächelt. Als die ersten Frauen, die es wagten, selbst aktiv Fußball zu spielen, haben namhafte TV-Kommentatoren allenfalls höhnische Kommentare dazu abgegeben, etwa wer denn nun nach dem Spiel die Trikots waschen würde. Fußball sollte für immer eine romantische Männerwelt bleiben, die nur ihnen ganz allein gehörte. Der erste WM-Titel der deutschen Fußballfrauen wurde gar mit einem Kaffee-Service pro Spielerin belohnt. Was selbst von offizieller Seite gelebt wurde, kann so schnell nicht aus den Köpfen der breiten Masse verbannt werden. Fußball ist Männersache, Punktum. Und es gehört nun einmal zum Mann sein in diesem Zusammenhang, dass er sich hart gegen sich und den Gegner gibt. Wie soll da ein Homosexueller sich behaupten können. Schwul sein und Fußball wurde allenfalls theoretisch in Erwägung gezogen, doch thematisieren? Bloß nicht. Einer, der sich an dieses Wagnis herangetraut hat, ist ein verdienter und alles andere als schwächlicher deutscher Nationalspieler gewesen. Dass Thomas Hitzelsberger schwul sei hat er zwar erst nach seiner aktiven Zeit als Profi bekannt, doch es brachte eine Debatte in Gang.

Kindheit, Jugend und Profilaufbahn

Thomas Hitzlsperger wurde am 05. April 1982 im bayrischen Forstinning geboren. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof zusammen mit 6 weiteren Geschwistern. Er wurde katholisch und ländlich erzogen. Seine ersten Schritte hin zu seiner Weltkarriere machte er beim VfB Forstinning. Bereits mit 7 Jahren wechselte er zum FC Bayern München. Hier spielte er 11 Jahre lang in den Jugendmannschaften des Vereins. Im Jahr 2000 also gerade einmal 18jährig wechselte er auf die Insel und heuerte bei Aston Villa in der englischen Premier League an. Nach 5 erfolgreichen Jahren, in denen er sich aufgrund seines gewaltigen und präzisen Schusses den Namen Hitz the Hammer verdiente, wechselte er ablösefrei nach Deutschland zum VfB Stuttgart. Hier feierte er in der Saison 06/07 die deutsche Meisterschaft. 2008 wurde er gar zum Kapitän der Schwaben ernannt. In der Winterpause 2010 wechselte er zu Lazio Rom nach Italien. Nach nur einer Saison und einem Tor in der Serie A zog es ihn erneut auf die Insel, diesmal zu West Ham United. Im August des darauffolgenden Jahres unterschrieb er einen Vertrag beim Bundesligisten VfL Wolfsburg. Seine letzte Station war erneut in England. Diesmal war es der FC Everton, für den er seine Fußballschuhe schnürte. Seine Profikarriere war durchzogen von vielen Verletzungen, die ihn immer wieder zurückwarfen. Dennoch kam er auf Vereinsebene immerhin auf insgesamt 131 Bundesliga-Partien, 6 Spiele in der Serie A in Italien und 122 Einsätze in der Premier League. Er war ein unspektakulärer aber sehr effektiver Spieler mit einem hohen Maß an Ruhe und Übersicht.

Deutsche Nationalmannschaft

Ehe er ins A-Nationalteam berufen wurde, war Hitzlsperger stetiger Gast bei sämtlichen U-Junioren Auswahlmannschaften. Von der U15 bis zur U21 durchlief er sämtliche Stationen und brachte es hier auf insgesamt 68 Einsätze im Juniorenbereich. Sein Debüt in der A-Mannschaft des DFB feierte er am 09.10.2004. Es sollten noch 51 weitere hinzukommen. Die WM 2006 im eigenen Land durfte er ebenfalls als aktiver Spieler miterleben, auch wenn seine Nominierung für viele etwas überraschend war. Bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz war er eine feste Größe und kam nur in einem von 6 Spielen nicht zum Einsatz.

Karriere nach dem Fußball

Thomas Hitzlsperger war bereits während seiner Zeit als aktiver Kicker ein Spieler, der sich auch mit anderen Themen auseinandersetzte. So war er seinerzeit schon aktiv in Sachen Antirassismus. Hier machte er sich als Artikelschreiber und Kolumnist bei einschlägigen Blättern einen Namen. Diverse andere Projekte, in denen es hauptsächlich gegen die Diskriminierung von Minderheiten, aber auch um HIV-positive Kinder in Afrika dreht, werden von ihm unterstützt bzw. initiiert. Bekannt wurde die ZDF Dokumentation Thomas Hitzlsperger und die Township-Kinder die er bereits im Jahr 2009 also noch als aktiver Spieler produzierte. Als Fußball-Experte ist er bei großen Turnieren immer ein geschätzter Fachmann wie zum Beispiel bei der WM 2018 im ZDF Morgenmagazin.

Warum das Coming-out erst nach der aktiven Karriere?

Dass Thomas Hitzlsperger schwul ist, erfuhr die Öffentlichkeit von ihm selbst. Obwohl keine Not bestand, thematisierte er dieses Thema ganz bewusst selbst. Auf Anfrage, warum er diesen Schritt nicht bereits zu seiner aktiven Zeit erlebt habe, antwortet er glaubhaft mit seiner persönlichen Geschichte. Als Junge, der in einer katholischen Umgebung aufgewachsen ist und erzogen wurde, habe er sich lange Zeit um dieses Thema keine Gedanken gemacht. Vielmehr habe er in jungen Jahren eine Beziehung zu einer Frau unterhalten, welche immerhin 8 Jahre gehalten habe. Dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, habe er erst später realisiert. Er habe sich daher entschlossen, diesen Schritt erst im Jahr 2014 zu tun. Er betont weiterhin, dass dies weniger mit seiner eigenen Person zu tun habe, als vielmehr der Versuch, andere zu einem ähnlichen Schritt zu ermutigen und ihnen mit seinem Vorbild den Weg zu ebnen. Dass dies bereits das eine oder andere Mal geschehen sei, freue ihn. Doch derlei mutige Schritte habe es zwar in den unteren Ligen gegeben, doch ein Profi habe sich noch nie öffentlich geoutet.

Wie hat Hitzlsperger die Karriere erlebt?

Dass Thomas Hitzlsperger schwul war, wusste zu seiner aktiven Zeit ja niemand. Man ist daher geneigt, anzunehmen, dass er sehr oft die Faust in der Tasche machen musste, wenn Mitspieler in der Kabine oder auch auf dem Trainingsplatz entsprechende Witze über Schwule oder das schwul sein gemacht haben. Dem sei in der Tat gar nicht so gewesen teil er mit und betont vielmehr, dass ihm Homophobie so gut wie nie begegnet sei. Er habe, wenn sie denn seinen Humor getroffen hätten, sogar selbst über den einen oder anderen Witz lachen können. Seine Erfahrungen hätten jedoch gezeigt, dass unter den Spielern sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft privates oder in diesem Falle gar intimes nicht das Thema gewesen sei. Vielmehr sei dort fast ausschließlich sportliches besprochen worden.

Thomas Hitzlsperger – Botschafter für Vielfalt

Dass Thomas Hitzlsperger schwul ist, ist für den DFB in doppelter Hinsicht ein Glücksfall. Einerseits ist es die Person Hitzlsperger selbst, die sich als Glücksfall darstellt. Denn aufgrund seiner Vita, seines Geschickes sowohl medial wie auch argumentativ die Dinge ins rechte Licht rücken zu können, ist er die ideale Besetzung für diesen neu geschaffenen Posten. Als ihm einst Clarence Seedorf vorwarf, er wolle doch lediglich seine Sexualität thematisieren, hat er ihn sachlich und ruhig darauf hingewiesen, dass es zumeist die anderen seien, die dies täten. Zudem seien Heterosexuelle nicht minder daran interessiert, über Sexualität zu sprechen. Die Zuhörerschar gab ihm recht und Clarence Seedorf selbst fand anerkennende Worte für diese Ausführungen. Dass man als Botschafter in Sachen Vielfalt einen, wenn man so will „betroffenen“ selbst mit diesem Posten betraut, zeigt die Ernsthaftigkeit, mit der der DFB diese Thematik angeht. Dies ist die zweite Seite des Glücksfalles. Denn Vielfalt bedeutet auch, dass die Menschen den Fußball gemeinsam und ohne Ausgrenzungen miteinander leben und sich daran erfreuen kann. Denn der Fußball gehört allen, die ihn lieben.

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Malte
Moin, mein Name ist Malte und ich bin Fußball Fan aus Leidenschaft! Ich schreibe auf Fußball Früher als Fan für Fans über den Sport, der mich seit meiner Kindheit begleitet. Mein Herz schlägt für die Fußballkultur. Ich freu mich, dass du diese Leidenschaft mit mir teilst!

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