Der Messias

Ende der Neunziger Jahre lag der deutsche Fußball in Trümmern. Hatte doch nach dem grandiosen Gewinn der WM 1990 in Italien jeder im Lande den Worten Franz Beckenbauers Glauben geschenkt, die deutsche Mannschaft sei über Jahre hinaus unschlagbar, so wurden alle eines Besseren belehrt. Zwar hatte es der mit dieser Hypothek belastete Berti Vogts immerhin geschafft, das gesamtdeutsche Team zur Vize-EM und zum Europameister-Titel 1996 zu führen. Doch die beiden Weltmeisterschaften 1994 und 1998 offenbarten bereits, dass der deutsche Fußball langsam aber sicher seinem Niedergang entgegen ging. Zumindest aber deutlich hinter den anderen Nationen hinterherhinkte. Einsatz, Kampf und Leidenschaft waren Tugenden, die andere Länder längst auch für sich entdeckt hatten. Das Auftreten der DFB-Elf bei der EM 2000 in Belgien und den Niederlanden war schlicht erbärmlich. So manch einer fragt sich heute, warum die Protagonisten aus jenen Tagen jemals die Erlaubnis erhalten haben, den deutschen Adler auf der Brust zu tragen. Die Antwort ist einfach: Es gab keine Alternativen. Und dann kam ER. Sebastian Deisler. Er war der absolute Gegenentwurf zum deutschen Rumpelfußballer. Spielwitz, Kreativität, Technik. Völlig unbekannte Eigenschaften bei deutschen Kickern. Kein Wunder also, dass die Fußball-Nation einen neuen Liebling und gleichermaßen auch Hoffnungsträger hatte. Sebastian Deisler sollte es richten und hat – das ist unbestritten – sein Bestes gegeben. Bis es im Alter von erst 27 Jahren einfach nicht mehr ging. Was also macht Sebastian Deisler heute eigentlich?

Die Vereinskarriere

Sebastian Deisler ist am 05. Januar 1980 in Lörrach in Badischen geboren worden. Sein erster Fußball-Trainer war sein Vater. ER trainierte damals die E-Jugend des FV Tumringen bei Lörrach. Spielen durfte er jedoch noch nicht, da er das notwendige Alter noch nicht erreicht hatte. Weitere Jugend-Stationen waren der TuS Lörrach-Stetten und der FC Lörrach. 1995 im Alter von 15 Jahren ging er auf das Fußball-Internat des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Hier war man dabei, eine Profi-Mannschaft aus dem eigenen Nachwuchs zu formen. Mitstreiter von Sebastian Deisler waren seinerzeit Marcel Ketelear, Marco Villa und der bereits verstorbene Ex-Nationaltorhüter Robert Enke. Sein Bundesliga-Debut feierte er mit 18 Jahren in der Saison 1998/1999. In der Folgesaison, Gladbach war in die zweite Fußball-Bundesliga abgestiegen, kam der Wechsel zu Hertha BSC Berlin. Die Berliner waren damals national und international sehr erfolgreich. Aufgrund starker Leistungen in der Hauptstadt streckte der Branchenprimus Bayern München die Fühler nach ihm aus. So kam der Wechsel an die Isar zur Saison 2002/2003 zustande. Für die Bayern spiele er bis zu seinem Karriereende im Jahr 2007. Mit Bayern München wurde er insgesamt 3x deutscher Meister in den Jahren 2003, 2005 und 2006. In den gleichen Jahren wurde er mit den Bayern jeweils auch DFB-Pokalsieger. Mit Hertha BSC wurde er 2001 Ligapokalsieger. Ein Erfolg, den er im Jahr 2004 mit dem FC Bayern München wiederholen konnte.

Nationalmannschaft

Sebastian Deisler durchlief alle Jugendmannschaften des DFB. In jeder dieser Auswahl-Mannschaften wurde er mindestens 3x eingesetzt und kam so auf 34 internationale Spiele im Jugendbereich. Das Highlight jener Zeit war die Teilnahme an der U17-WM in Ägypten. Hier sprang am Ende der 4. Platz heraus. Mit der U-18 Nationalmannschaft erreichte er im Folgejahr, also 1998 das Finale der Europameisterschaft der U18-Junioren. Sein Debut in der A-Nationalmannschaft gab Deisler am 23.02.2000. Sein letztes Spiel in der DFB-Elf absolvierte er am 01.03.2006 bei dem WM-Vorbereitungsspiel gegen Italien in Florenz. Sebastian Deisler hat verletzungsbedingt die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 im eigenen Land absagen müssen.
Dennoch hat der Spieler auch in der Nationalmannschaf einige Erfolge aufzuweisen:

  • Vierter bei der U17-WM im Jahr 1997
  • Zweiter bei der U18-EM im Jahr 1998
  • Dritter beim Confed-Cup im Jahr 2005

Verletzungen

Wenn Sebastian Deisler heute immer noch als das Talent des deutschen Fußballs gilt, so sind mit seiner Karriere leider auch viele Verletzungen verbunden. Immer wieder bereitete ihm insbesondere das rechte Knie. So musste er sich gleich zu Beginn seiner hoffnungsvollen Karriere in den Jahren 1998 bis 2002 insgesamt 5 Mal einer Operation unterziehen. Jedes Mal nahm er die Mühe auf sich und kämpfte sich zurück ins aktive Fußballer-Geschehen. Davon nicht genug machte ihm auch seine eigene Psyche oft einen Strich durch die Rechnung. Wegen Depressionen und Burnout-Syndrom hat er sich mehrfach in Behandlung begeben müssen. Beides in Kombination war auf Dauer zu viel für ihn daher traf er die für ihn mit Sicherheit sehr schwierige Entscheidung, dem Profi-Fußball den Rücken zu kehren. Am 15.01.2007 teilte er seinem damaligen Vereins-Boss Uli Hoeneß mit, dass er seine Karriere beenden wolle.

Die Handgeld-Affäre

Ein Makel in Deislers Karriere sind die Umstände, die im Zusammenhang mit seinem Wechsel von Hertha BSC nach München zum FC Bayern verbunden sind. Die Zahlung eines so genannten Handgeldes war eine damals zwar höchst umstrittene, aber hinter vorgehaltener Hand sehr gängige Praxis, wenn es darum ging, einen Spieler zu einem Wechsel zu bewegen. Hoch gekocht wurde das Thema durch eine bekannte deutsche Boulevard-Zeitung. In ihr wurde damals ein entsprechendes Schriftstück veröffentlicht. Die Angelegenheit wurde medial so hoch gepusht, dass Sebastian Deisler sich gezwungen sah, das Geld zurück zu zahlen.

Burnout

Wenn Sebastian Deisler heute, also gut eine Dekade später diese Entscheidung träfe, würde er mit Sicherheit auf deutlich größeres Verständnis stoßen, als dies im Jahr 2007 der Fall war. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass jemand, der sein Hobby zum Beruf machen durfte, an einer solchen Krankheit leiden könne. Im Zusammenhang mit der Handgeld-Affäre und dem ebenfalls hinlänglich bekannten enormen Gehalt bei Bayern München stand Deisler schnell im Verdacht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld verdienen zu wollen. Doch spätestens seit dem tragischen Tod seines ehemaligen Mannschaftskameraden Robert Enke im Jahr 2011 werden Depressionen auch bei Spitzensportlern nicht länger vertuscht oder klein geredet. Sebastian Deisler, war bereits bevor seine Karriere richtig begonnen hatte, hochgejubelt worden. Man hatte einen Druck aufgebaut, noch bevor dieser überhaupt die Möglichkeit gehabt hatte, in Spielen sein Können unter Beweis zu stellen.

Im Gegenteil: Mit diesem enormen Erwartungsdruck nahm man ihm vielleicht die Lust auf das Spiel. Denn selbst in Zeiten, als er noch everybodys Darling war, machte ihm dieses Image zu schaffen. Er verstand diesen künstlich aufgebauten Hype um seine Person nicht. Er wollte einfach nur Fußball spielen. Nicht ohne Grund ist er in der Metropole Berlin privat inkognito aufgetreten, indem er sich so kleidete, dass man ihn nicht erkennen konnte. Schnell stellte sich ein Gefühl ein, in jedermanns Schuld zu stehen und das nicht nur finanziell. Ein Gefühl, das vermutlich dazu geführt hat, dass die Erwartungen, die er selbst an sich stellen musste, letztlich zu hoch waren.

Sebastian Deisler heute

Es ist still geworden um ihn. Er lebt zurückgezogen im Badischen und ist immer noch dabei, die Dinge von Einst zu verarbeiten und mit sich ins Reine zu kommen. Zwischenzeitlich hat er ein Buch veröffentlicht, in welchem er die Begebenheiten von damals und seine Gefühle zu jener Zeit preisgibt. Fußball spielt er nicht mehr. Sicherlich gut für ihn, aber schade für die, die den Spieler Sebastian Deisler bewundert haben.

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Uwe
Hallo zusammen, ich heiße Uwe. Fußball spiele ich jetzt zwar schon seit einigen Jahren nicht mehr, doch dafür gehe ich umso lieber ins Stadion. Ich schreibe auf Fußball Früher über die Geschichte des Sports und die Spieler, die ihn so großartig machen. Ich freue mich immer, wenn ich meine Leidenschaft mit anderen teilen kann. Denn Fußball ist vor allem eines: Teamsache!

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